tanz.at: Ditta Rudle 12.03.2010 | Anna Karenina

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Ketevan Papava begeistert durch Leiden und Leidenschaft

Endlich ist das Konzept der Übersiedlung des Balletts von Boris Eifman von der Volksoper auf die große Bühne der Staatsoper aufgegangen. Das Corps de Ballet, wesentlicher Teil des Zweiakters nach Lew Tolstois Roman über das Schicksal der Ehebrecherin (pardon, doch damals nannte man untreue Ehefrauen so) Anna Karenina, zeigte sich in bester Form, homogen und präzise. Die Männer (beim Pferderennen, im Offiziersklub, am Bahnhof) kamen mit dem Tempo, das Dirigent Guillermo Garcia Calvo vorgab, bestens zurecht; die Damen wirbelten in den Ballszenen leicht und arrogant in ihren silbrig schimmernden Kleidern. 
Shane A. Wuerthner, der „neue“ Wronski kommt mit der Rolle allmählich besser zurecht, als noch bei seinem Debüt. Ein schlaksiger sympathisch wirkender Jüngling, der die attraktive Dame von Welt umgarnt und sich um die Zukunft keine Gedanken macht. Auch die kleinen Unsicherheiten in den Beinen wird er bei den folgenden Auftritten bewältigen. 
Eno Peci hat diese Routine bereits, und doch zeigt sein Karenin eindrucksvolle Bühnepräsenz. Die Sprünge werden sicher aufgesetzt, die Szenen mit Anna lassen den Menschen hinter dem steifen Gehabe ahnen. Peci will gar nicht leugnen, dass auch ein nach außen hin beherrschter Staatsbeamter Gefühle hat und kann doch, ratlos die Hände knetend, das angelegte Korsett nicht ablegen.
Zwischen den beiden Ketevan Papava. Ihre Anna ist ganz hormongesteuerte Leidenschaft, nur flüchtig wird dem zurückgelassenen Kind gewinkt, dem schönen, jungen Offizier Wronski gilt ihre ganze Aufmerksamkeit. Papava tanzt (leichtfüßig, sicher und ausdrucksvoll) nicht die literarische Figur, die Gattin und Geliebte Anna, sondern deren Gefühle, die plötzliche Leidenschaft und das darauffolgende Leiden dieser sich gedankenlos den gesellschaftlichen Normen widersetzenden Frau. Die Liebesglut des jungen Kerls hält nicht lang, Anna ist nur noch Einsamkeit, Verzweiflung. In Venedig betäubt sie sich mit Drogen und Papava wird zum flirrenden, irren Wesen, das nicht mehr von dieser Welt ist. Ihr Sprung auf die Bahngleise erscheint als Erlösung.

(c) tanz.at | Ditta Rudle

Die Presse: Isabella Wallnöfer 22.11.2009 | Carmen

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Davide Bombana zeigt „Carmen“ als zeitgemäßes Drama mit hervorragenden Tänzern.

Schon wenn der Vorhang den Blick auf die Bühne freigibt, weiß das Publikum: Dies wird keine gewöhnliche „Carmen“. Dorin Gal (Bühnenbild, Licht, Kostüme) macht aus der Volksopernbühne eine halbrunde Arena aus Plexiglaswänden, die die Farben wie ein Chamäleon wechselt – und mit kühlem Blau oder bedrohlichem Gelb die Gefühlsstadien der Protagonisten widerspiegelt. Zum Auftakt ist die überdimensionale Leinwand im Mittelpunkt (Video: Davide Montagna, Enrico Mazzi) in Blutrot getaucht und verbreitet – unter mahnendem Geläut der Glocken – eine böse Vorahnung. Erst auf den zweiten Blick bemerkt man das triste Paar am Bühnenrand: Kirill Kourlaev als von der zerstörerischen Liebe zu Carmen zerfressener José und Karina Sarkissova als von ihm verlassene Micaëla.

Bombana entkleidet das Stück, das 2006 als Einakter in Toulouse uraufgeführt wurde und nun an der Volksoper in seiner endgültigen, abendfüllenden Version erstmals gezeigt wird, seiner spitzenbesetzten Kostümierung. Die sonst so kokett-verspielt gehandhabten Fächer wirken entweder wie eine Keule (Carmen schleift einen riesigen, zusammengeklappten Fächer hinter sich her, als wollte sie damit gleich jemanden erschlagen) oder sind reine Parodie.

Bemerkenswert an dem Abend ist die hervorragende Leistung aller Tänzer – und die mit nur einer Ausnahme gelungene Besetzung der Charaktere. Kourlaev überzeugt nicht nur tänzerisch, sondern auch darstellerisch als sensibler, von Begierden und Zorn überwältigter José. Sarkissova ist eine melancholische, pathetisch-expressive Micaëla. Mihail Sosnovschi strotzt als García vor Sex-Appeal und Kampfeslust. Nur Ketevan Papava in der Titelrolle – eine technisch perfekte Ballerina – wirkt unterkühlt und als laszive, erotische Femme fatale eher unglaubwürdig.

Das ist vielleicht nicht die „Carmen“, die das Publikum erwartet hat. Aber es ist eine feurige, tänzerisch herausragende, musikalisch interessante Interpretation des Klassikers. Zeitgemäß, spannend, sehenswert.

(c) Isabella Wallnöfer, Die Presse, 22.11.2009