Die Presse: Isabella Wallnöfer 22.11.2009 | Carmen

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Davide Bombana zeigt „Carmen“ als zeitgemäßes Drama mit hervorragenden Tänzern.

Schon wenn der Vorhang den Blick auf die Bühne freigibt, weiß das Publikum: Dies wird keine gewöhnliche „Carmen“. Dorin Gal (Bühnenbild, Licht, Kostüme) macht aus der Volksopernbühne eine halbrunde Arena aus Plexiglaswänden, die die Farben wie ein Chamäleon wechselt – und mit kühlem Blau oder bedrohlichem Gelb die Gefühlsstadien der Protagonisten widerspiegelt. Zum Auftakt ist die überdimensionale Leinwand im Mittelpunkt (Video: Davide Montagna, Enrico Mazzi) in Blutrot getaucht und verbreitet – unter mahnendem Geläut der Glocken – eine böse Vorahnung. Erst auf den zweiten Blick bemerkt man das triste Paar am Bühnenrand: Kirill Kourlaev als von der zerstörerischen Liebe zu Carmen zerfressener José und Karina Sarkissova als von ihm verlassene Micaëla.

Bombana entkleidet das Stück, das 2006 als Einakter in Toulouse uraufgeführt wurde und nun an der Volksoper in seiner endgültigen, abendfüllenden Version erstmals gezeigt wird, seiner spitzenbesetzten Kostümierung. Die sonst so kokett-verspielt gehandhabten Fächer wirken entweder wie eine Keule (Carmen schleift einen riesigen, zusammengeklappten Fächer hinter sich her, als wollte sie damit gleich jemanden erschlagen) oder sind reine Parodie.

Bemerkenswert an dem Abend ist die hervorragende Leistung aller Tänzer – und die mit nur einer Ausnahme gelungene Besetzung der Charaktere. Kourlaev überzeugt nicht nur tänzerisch, sondern auch darstellerisch als sensibler, von Begierden und Zorn überwältigter José. Sarkissova ist eine melancholische, pathetisch-expressive Micaëla. Mihail Sosnovschi strotzt als García vor Sex-Appeal und Kampfeslust. Nur Ketevan Papava in der Titelrolle – eine technisch perfekte Ballerina – wirkt unterkühlt und als laszive, erotische Femme fatale eher unglaubwürdig.

Das ist vielleicht nicht die „Carmen“, die das Publikum erwartet hat. Aber es ist eine feurige, tänzerisch herausragende, musikalisch interessante Interpretation des Klassikers. Zeitgemäß, spannend, sehenswert.

(c) Isabella Wallnöfer, Die Presse, 22.11.2009